Tetiana's Bericht aus der Ukraine

Es ist leider für uns nicht immer leicht, aktuelle Informationen aus der Ukraine zu erhalten, da alle unsere Helfer vor Ort sich vor und nach der Arbeit um ihre Schützlinge kümmern und fast immer spät Abends keine Kraft mehr haben, um auch noch Berichte zu schreiben. - Ganz abgesehen davon, dass es viel Mut und Kraft kostet, sich neben der Arbeit ehrenamtlich um die Rettung, die ärztliche Verpflegung, das Wohlergehen und die erfolgreiche Vermittlung der Tiere zu kümmern, gibt es immer auch organisatorische und administrative Arbeiten zu erledigen. Hinzu kommen immer wieder Schwierigkeiten mit dem „sozialen System“ in der Ukraine.

 

Da ich im aus privaten Gründen in die Ukraine reisen musste, habe ich mir natürlich auch die Zeit genommen, um das Tierheim in Charkiw (örtlich „Kharkov“ genannt) zu besuchen, ebenso wie Tatiana Pavshukova und Olga als Vertreterin des Vereins „Vmeste“ („Zusammen“).

 

Aber der Reihe nach:

 

Zunächst habe ich unser Mini-Tierheim in Kharkov besucht. Diejenigen, die unsere Berichte verfolgen, wissen, dass wir manche Hunde aus dem Tierheim in unterschiedliche Pflegestellen unterbringen mussten, weil einige Menschen aus der Umgebung den Tieren gegenüber feindlich eingestellt sind. So haben sie in der Vergangenheit beispielsweise dafür gesorgt, dass die Elektrizität im Winter abgeschaltet wurde (und das in der Zeit, wenn wir zwei sehr kranke Hunde, die nicht laufen konnten und Wärme brauchten). Sie haben uns mit weiteren Konsequenzen gedroht und wir wollten die Gefahr vermeiden, dass viele Tiere erneut zum Opfer werden.

 

Die Pflegestellen hier sind „kostenpflichtig“, und unsere Helfer vor Ort bezahlen sie mit ihrem eigenen Geld , weil es wichtig ist, die Tiere in Sicherheit zu bringen. Sowohl in Pflegestellen als auch in unserem Mini-Tierheim geht es den Tieren dank des Einsatzes unserer Aktiven vor Ort gut.

 

Mein Besuch des Mini-Tierheims bleibt noch lange als etwas sehr Positives in Erinnerung. Ich war überrascht, wie herrlich es dort ist. Die Tiere haben dort viel Platz, werden zweimal täglich ordentlich gefüttert und gepflegt. Tanja und Tamara spielen mit ihnen, streicheln sie, gehen mit ihnen spazieren und kümmern sich um ihr Wohlergehen. Die Hunde sahen sehr glücklich aus und haben uns freudig begrüßt.

 


Alles in allem hatte ich ein sehr gutes Gefühl und ich bin Tatiana und den anderen Helfern im sehr dankbar. Immer, wenn ich eine schreckliche Geschichten über ein überfahrenes, fürchterlich abgemagertes, krankes oder ausgesetztes Tier erfahre, mache ich mir Sorgen, ob man dieses Tier tatsächlich glücklich machen kann.

 

Wenn ich dann aber sehe, wie wundervoll es den geretteten Tieren geht, habe ich wieder den Glauben an das Gute; daran, dass es möglich ist, ihr Leben zu retten und den kleinen Lebewesen ein gutes, liebevolles und zufriedenes Leben zu ermöglichen.

 


Aber Tanja hat mich auch über die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Tierrettung in Kharkov unterrichtet. Letztendlich wurde ich trotz der positiven Erlebnisse mit und bei den Hunden wieder traurig, weil sich die Situation der Streuner in Kharkov seit der EM 2012 nicht verbessert hat.

 

Das größte Problem ist meiner Meinung nach, dass die Menschen, die sich ehrenamtlich und mit ganzem Herzen in ihrer Freizeit für das Leben der Tiere einsetzten, im Großen und Ganzen fast nichts gegen der Regierung unternehmen können.

 

Die Regierung will, dass die Straßen „sauber“ von den Streunern bleiben. Leider ist es auch so. Die Straßen waren während meines Aufenthaltes fast immer „sauber“, also keine Straßentiere waren da. Noch vor 3 Jahren war es ein völlig anders Bild: Ein friedliches Zusammenleben der Hof- oder Markt-Hunde und Katzen mit den Menschen, die die Streuner ab und zu auch gefüttert, auf eigene Kosten kastriert und ihnen manchmal sogar ein Zuhause gegeben haben. Jetzt gibt es nicht mal mehr Straßenkatzen. Auch sie wurden bei den „Razzien“ vergiftet.

 

Für einen Menschen, der die gesamte EM-Geschichte nicht verfolgt und kein Wissen darüber hat, was hinter der Kulisse des staatlichen „Tierheims“ (sprich: Tötungsstation) passiert, ist es beinahe unmöglich zu verstehen, welchen Preis die Straßentiere täglich mit ihrem Leben bezahlen.

 

Die Massenmedien, die allgemein bekannt schon immer als meinungsbildendes Instrument zur Massensteuerung gedient haben, bilden ukrainische Bürger weiterhin in dem Sinne aus, dass alle Straßentiere gefährlich und krank sind, Menschen angreifen, massiv Krankheiten übertragen etc.

 

Gleichzeitig wird in den Nachrichten immer wieder das staatliche Tierheim als „Paradies für die Tiere“ beworben und in TV-Sendungen wird dazu aufgerufen, dass die Menschen ihre unerwünschten Welpen und Kätzchen sowie erwachsene Tiere in dieses Tierheim bringen sollen, damit sie vermittelt werden.

 

Die Realität ist aber, dass das kleine staatliche „Tierheim“ mit ca. 30 Volieren nicht alle immer wieder geborene und unerwünschte Tiere von 2,5 Mio. Menschen, die dort leben, aufnehmen kann. 97% der Tiere, die von den Bürgern und den staatlichen Fangdiensten dorthin gebracht werden, werden werden nicht vermittelt, sondern getötet.

 

Als Beispiel für die Erziehung zur Aggressivität gegenüber den Streunern bei der ukrainischen Bevölkerung durch Massenmedien gibt es sogar einen Bericht. In diesem Bericht interviewt ein sehr einflussreicher Journalist eine in Kharkov unter den Tierschützern bekannten „Dog-hunterin“ (die ebenfalls als Journalistin bei einer renommierten Zeitung arbeitet!) Sie erzählt offen darüber, wie man die Tiere am besten vergiften kann. Beide Journalisten gehen gemeinsam in eine Apotheke und erzählen, welches Gift man kaufen soll und wie man es zubereitet.

 

Es gibt hierzu öffentliche Videoberichte (auch auf Youtube) auf deren Link wir wohlweislich an dieser Stelle nicht veröffentlichen. Dennoch: Der Tod der Tiere, denen dieses Gift verabreicht wurde, dauert bei vollem Bewusstsein bis zu drei Stunden. Denn das Nervensystem wird durch das Gift nicht „abgeschaltet“.

 

Massenmedien sind eine sehr starke Waffe gegen Aktive vor Ort, die den Tieren helfen wollen. Natürlich erfahren sie immer mehr Aggression seitens der Mitbürger, die die vorgenannten Berichte verfolgen.

 

Andere Konsequenzen aus diesen Berichterstattungen sind u.a. folgende:

 

  • Es ist viel schwieriger als früher, Tiere zu vermitteln, weil Menschen früher die leidenden, traurigen und frierenden Tiere auf den Straßen gesehen haben und oftmals Mitleid mit ihnen hatten und ihnen helfen wollten.
  •  Aus demselben Grund spenden die Mitbürger weniger.
  •  Unsere Helfer müssen immer Angst haben, dass man ihre Schützlinge in einer Pflegestelle findet und ihnen über den Zaun vergiftete Köder zuwirft.
  •  Alle Namen und persönliche Daten jedes Tierretters wurden vor einigen Monaten durch dieses staatliche Tierheim gesammelt und gespeichert. Zu welchem Zweck weiß noch niemand, aber in Anbetracht dessen, dass ein T i e r h e i m so etwas (eigentlich) nicht machen darf, bedeutet es bestimmt nichts Gutes. Natürlich kann die ukrainische Regierung alle Telefonate der Bürger abhören und dann auch zielgerichtet gegen die Tierretter angehen. Die Frage ist natürlich, warum die Regierung so aggressiv gegenüber der Tierretter, die immer auch ihr eigenes Geld für die Tiere geben, wenn sie eigentlich ein Ziel verfolgen – keine Straßentiere mehr. Natürlich kann es deswegen sein, dass niemand die Wahrheit erfahren soll, was hinter den Türen des „Tierheims“ passiert. Zusätzlich zu der allgemein bekannten Tatsache, dass die Politiker für jedes gefangene Tier ca. 40 € von den Steuergeldern ausgeben.
  • Vermehrt treten auch andere Angriffe gegen die Tierretter in der Ukraine auf, wie z. B. Aussagen, dass sie selbst das Geld, das gespendet wurde, nicht für die Tiere, sondern für sich selbst ausgegeben würden. Wer sich mit der Thematik nicht auskennt, kann es auch leicht glauben. Beispielsweise wurden die Aktiven des Vereins „Vmeste“ beschuldigt, dass sie von den Spendengeldern eine Reise auf Malediven gemacht hätten. Hinterfragt wird von der Bevölkerung eine solche Aussage nicht, denn schließlich ist eine Reise auf die Malediven doch recht teuer und von den wenigen eingehenden Spendengeldern niemals zu finanzieren. Interessanterweise wurde direkt nach dieser Veröffentlichung - also nachdem genügend Menschen dies gelesen hatten - der entsprechende Blog geschlossen.
  •  Abgesehen davon, dass diese Vereinsmitglieder wie mehrmals erwähnt mit den Spenden nur einen kleinen Teil der entstehenden Kosten für die Operationen, Futter, kostenpflichtige Pflegestellen etc. bedecken können und mit ihren eigenen Kosten aufkommen müssen, weil sie eben die Tiere nicht im Stich lassen können, können sie sich sowas überhaupt nicht mal vorstellen, weil die Regierung zusammen mit dem Steueramt sie ständig kontrolliert und auch ohne einen triftigen Grund einen Verein jederzeit schließen bzw. verbieten kann.

 

„Gerechtigkeit“ ist in der Ukraine nicht gerade das Wort, das neben dem Wort „Regierung“ auftaucht.

 

Da das staatliche „Tierheim“ dank der unermüdlichen Arbeit der Massenmedien so ‘populär‘ geworden ist, bringen die Menschen ihre Tiere tatsächlich dorthin. Dabei werden die Tiere nur in Ausnahmefällen nicht getötet.

 

Selbstverständlich können in so einer „Anstalt“ keine guten, fleißigen und tierlieben Menschen arbeiten. Die Quarantäneregeln werden entsprechend nicht beachtet, woraus eine sehr starke Epidemie der Staupe resultiert.

 

Die Tiere im „Tierheim“ sind in der Regel alle krank und werden - wenn es sich ergibt - auch krank vermittelt. Dann müssen die neuen Besitzer sie zum Tierarzt bringen, wobei sie dann auch die anderen Hunde in der Praxis und die Tiere anderer Besitzer auf der Straße anstecken, die wiederum ihrerseits ebenfalls die Krankheitserreger übertragen … Im Endeffekt mussten alle unsere Helfer in Charkiw enorm auf ihre Schützlinge aufpassen und erkrankte Tiere lange Zeit und kosten- und zeitintensiv pflegen und um ihr Leben kämpfen.

 

 

Alles in allem möchte ich behaupten, dass die Arbeit, die die Aktiven vor Ort leisten, bewunderungswert ist. Sie nehmen die Tiere auf, die sonst in der Tötungsstation landen würden, heilen und kastrieren sie und vermitteln in gute liebende Familien.

 

Sie geben nicht auf trotz der Gefahr durch die Regierung und die der Mitbürger. Unsere Helfer vor Ort haben keine überdurchschnittlichen sozialen oder finanziellen Möglichkeiten, aber sie finden trotzdem immer Zeit und Kraft, um jeden Tag für jedes Leben, das sie retten können, zu kämpfen.

 

Mit Ihrer, selbst der kleinsten Hilfe, können sie in Charkiw mehr Tiere retten und hoffentlich dem Massenmord an Tieren seitens der Regierung so entgegenwirken.

 

 

 

 

Dieser Bericht ist nun leider nicht so positiv geworden, wie wir eigentlich hofften. Dennoch möchten wir, dass Sie verstehen, was es bedeutet, Tiere in der Ukraine zu schützen; warum es manchmal lange dauert, bis wir Neuigkeiten mitteilen können - eben, was dahinter steckt.

 

Letztendlich haben wir nur mit Ihrer Hilfe die Möglichkeit, einem weiteren (Straßen-) Tier zu helfen und hoffentlich dem Massenmord an den Tieren kontinuierlich gegenüber der Regierung und den ukrainischen Bürgern entgegenzuwirken.

 

 

Dennoch möchten wir diesen Bericht nicht ohne eine weitere positive Nachricht beenden, die zeigt, dass Ihr Hilfe sinnvoll ist und ankommt:

 

Dank Frau Opitz, die für „Cherie“ einen Rolli spendete, hat Cherie nun gelernt, damit zu laufen und kann sich nun ohne wunde Stellen fortbewegen:

 

Übrigens: Diesen Bericht finden Sie auch auf der Homepage unter „NEWS“ mit vielen weiteren Bildern aus der Ukraine.

 

 

Und im Laufe der kommenden Woche werden wir weitere Berichte über die (Paten-) Tiere in der Ukraine veröffentlichen. Da das Erstellen der Berichte doch recht aufwändig ist, werden sie nach und nach veröffentlicht.

 

Wir möchten uns bei allen bedanken allen, die uns dabei helfen, zu helfen. Bitte unterstützen Sie uns auch weiterhin.

 

Verwendungszweck:

„Ukraine“

 

 

Herzliche Grüße

Tetiana Genkina & das Tierfreunde-Team Ukraine